Männer, die auf Männchen starren

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Donnerstag, 30. November 2017

Dienstag ist Pinseldienstag. Nicht immer, aber doch sehr oft. Dann sitzen sich zwei Männer mittleren Alters still gegenüber. Manchmal grunzt einer, manchmal flucht einer, manchmal plaudern sie auch, aber nicht zu lange. Sie haben schließlich etwas zu tun: Sie pinseln. Sie beugen sich in ungesunder Haltung über den Tisch, lunzen durch ihre Lupenlampen (die Augen werden ja nicht besser) und bemalen Spielfiguren, genauer: Tabletop-Miniaturen. Der eine ist mein guter Freund F. Der andere bin ich: Kulturredakteur und Theaterkritiker, Kinderspiel-des-Jahres-Juror und Tabletopper, also jemand, der es liebt, detailliert bemalte Männchen über Miniaturlandschaften zu schieben. „Und wie passt das zusammen?“, werde ich oft gefragt: „Kinderspiel und Tabletop?“ Sehr gut passt das zusammen. Und dafür gibt es gleich ein paar Gründe.

Der erste ist, dass ich meine Spiele und meine Spielabende gerne abwechslungsreich habe, vom leichtverdaulichen 20-Minuten-Kartenspiel bis zum komplexen Drei-Stunden-Brocken. Man nimmt sich so viel, wenn man sich selber einschränkt. Nur weil ich Äpfel mag, esse ich doch auch mal Birnen. Oder Wassermelone. Oder Weintrauben. Einmal im Jahr fahren Mitglieder der Jury nach Dallas zur Spring-Con von Boardgamegeek und präsentieren die kurz zuvor nominierten Titel. Ich war noch jedes Mal dabei und war ebenso jedes Mal fasziniert davon, wie aufgeschlossen die US-Amerikaner gegenüber jeder Form von Spielen sind. Die weit überwiegende Mehrzahl – und das ist ein großer Unterschied zum Kategoriendenken vieler deutscher Spieler - lässt sich die Kandidaten jeder Kategorie erklären, ob rot, blau, anthrazit. Sie lassen sich begeistern von der Kreativität der Kinderspiele, der fröhlichen Zugänglichkeit der Familienspiele und dem Anspruch der Kennerspiele. Die Welt ist bunt, nicht zuletzt die der Spiele.

Der nächste Grund ist biografisch. Ich bin Jahrgang 1968, gehöre der ersten Generation an, bei denen alljährlich das Spiel des Jahres unter dem Weihnachtsbaum lag und die durch „Hase und Igel“ lernten, dass es Spiele jenseits des MB-Gongs aus der Fernsehwerbung gab. Irgendwann verwuchs sich das. Man pubertierte, hatte Anderes im Sinn, spielte immer noch, aber vermeintlich „Cooleres“. „Das Schwarze Auge“ zum Beispiel, „Dungeons & Dragons“, „Traveller“, irgendwann „Blood Bowl“ als Einstieg, dann richtiges Tabletop. Ganze Universen taten sich auf. Die klassischen Gesellschaftsspiele hatten unsere Generation verloren. Dann kam in der Studienzeit „Catan“, und wir waren wieder an Bord.

Damit kommen wir zum letzten Grund, dem vielleicht wichtigsten.

Erwachsenwerden bedeutet, das Kindliche abzuschütteln. Man nimmt nicht mehr die alten Spielzeuge in die Hand. Man hört auf, mit ihnen und verstellter Stimme die ganz großen Abenteuer zu erleben. Man hört auf mit dem Spielen und irgendwann auch mit den Spielen. Wir von der Kinderspiel-Jury versuchen immer auch Spiele auszuwählen, die Kinder genau dieses Alters ansprechen; das gelingt nicht immer, aber das nur nebenher. Es gibt in dem Animationsfilm „Toy Story 3“ eine herzzerreißende Szene: Andy, der Junge, dem die Helden wie Cowboy Woody und Raumfahrer Buzz Lightyear gehören, ist groß geworden. Es geht auf die High School, und es heißt Abschied nehmen. Er bringt all seine Spielsachen zu einem Mädchen, das Fantasie genug hat, um sie zu verdienen. Und dann sieht man als erwachsener Zuschauer, die Augen bis zum Rand voller Wasser, den beiden dabei zu, wie sie noch einmal miteinander spielen, und in Andys Blick liegt Sehnsucht. Der Abschied von der Kindheit - da war doch mal was. Das „So tun, als ob“ hört auf, die Sehnsucht danach bleibt. Vielleicht lieben wir deswegen so sehr das Schauspiel.

Erwachsensein aber bedeutet, das Kind, das immer noch in einem steckt, zu akzeptieren. Irgendwo ist es, Spieler wissen das. Ob sie nun, wie in „Kingdomino“, noch einmal ein Königreich errichten, ob sie noch einmal zum Cowboy werden in „Great Western Trail“ oder den Weltraum erobern wie in „Terraforming Mars“. Oder, und da schließt sich der Kreis, ob sie nun Tabletop spielen. Der Mann mittleren Alters, der Miniaturen über Berge aus Styropor, Wälder aus dem Modelleisenbahnladen und Seen aus Pappe und Kunstharz bugsiert, ist immer noch der kleine Junge, der einst ganze Armeen aus Playmobil-Cowboys in einen Kampf gegen den gewaltigen und ganz gewiss sehr bösen Plüschteddy schickte. Und man hat sogar Regeln, es soll ja fair sein. Am Spieltisch werden wir jung, erleben bei aller Abgeklärtheit das Versprechen kindlicher Unschuld, das Beste aus beiden Welten. Um den großen Erich Kästner zu zitieren: „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“

Nachtrag: Neulich habe ich einen wunderbaren Bastelnachmittag mit einem inzwischen zwölfjährigen Jungen gehabt. Früher, als er ein Kind war, haben wir viel miteinander gespielt. Das hörte auf. Er wurde älter. Man lebte auch nicht mehr zusammen; so ist das nun einmal in den nicht immer gradlinigen modernen Patchwork-Biografien. Aber eines Tages erinnerte er sich wieder der seltsamen Figuren, die sein Bonuspapa damals immer bemalte, wurde neugierig, las sich mit einer lange nicht gekannten Begeisterung in das Thema ein, und wir kauften zusammen sein erstes Tabletopspiel. Seinen Blick kannte ich schon: Es war der sehnsuchtsvolle von Andy, der auf den fremd gewordenen, doch immer noch vorhandenen Jungen in sich selbst. Ihm hat sich ein neuer Horizont eröffnet, und dort, da bin ich sicher, ist irgendwann auch wieder Platz für Gesellschaftsspiele.

Stefan Gohlisch