Rettet das Spiel! Aber warum?

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Freitag, 31. März 2017

Spielen und Gesellschaft

„Rettet das Spiel!“ schreit mich der Buchtitel an. Oder ist es ein Flehen? Ein Bitten? Auf jeden Fall eine Aufforderung, die bei mir sofort verfängt. Denn bei Spiel denke ich an Brettspiele, Kartenspiele, Würfelspiele. An Catan, Pandemie und Zug um Zug. An Can’t Stop, Qwixx und Skull King. Aber warum soll ich diese Spiele retten? Der analogen Spielwelt geht es doch gut - zumindest darf man es schlussfolgern aus den zugegebenermaßen oft nur oberflächlichen Zahlen, welche die Branche ab und an veröffentlicht. "Zahl der Neuheiten auf Rekordhoch". "Deutliche Umsatzzuwächse". Und auch der internationale Markt kommt immer besser in Fahrt. Warum also der Alarm?

Nun, der Philosoph Christoph Quarch und der Hirnforscher Gerald Hüther als Autoren des Buchs „Rettet das Spiel!“ denken größer. Allgemeiner. Sie sorgen sich um die Gesellschaft. Um die Menschen. Sie befürchten eine Verkümmerung der Lebensfreude in einer Welt, die von Wachstumswahn, Effizienzdenken und Kommerzialisierung bestimmt wird. Sie warnen vor dem Homo oeconomicus, vor dem wirtschaftenden Mensch. Sie singen ein Loblied auf den Homo ludens. Aber wo ist er, der spielende Mensch?

Die Frage müsste eher heißen: Wo ist er nicht? Die Autoren nennen fünf archetypischen Spielformen. Nämlich Geschicklichkeitsspiele, Wettkampfspiele, Kultspiele, Schauspiele, Glücksspiele. Und die Spielräume sind zum Beispiel der Kinderspielplatz, das Fußballstadion, die Bühne, der Seminarraum während eines Workshops. Und ganz offensichtlich auch am Tisch, an dem Karten gekloppt und Pöppel rausgeschmissen werden. Es wird immer dort gespielt, wo der Mensch sein eigentliches Selbst verlässt und vorübergehend in eine Rolle schlüpft. Dort, wo der Mensch nicht funktionieren muss, sondern zwanglos seine Gedanken laufen lassen und erst dadurch kreatives Potenzial entfalten kann. Dort, wo er im positiven Sinne zwecklos aus dem eng getakteten Alltag ausbricht. Oder wie Friedrich Schiller einst schrieb: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Es dürfte vor allem Quarch gewesen sein, der die Bedeutung des Spiels aus philosophischer und kulturhistorischer Betrachtungsweise ausführlich erläutert. Der zum Beispiel bis ins alte Griechenland zurückblickt und Hellas als Land des Spiels tituliert. „Und seine Spiele waren kultische Feste im Zeichen ihrer Götter“, heißt es im Buch. Mir jedoch gefällt viel besser der Hinweis auf die neurobiologische Erkenntnis, dass Menschen beim Spielen ihre Angst verlieren. Denn gerade das bedeutet doch das: Spielen stärkt die Lebensfreude. Spielen ist immer ein Miteinander. Spielen schenkt Freiheit. „Deshalb fühlen wir uns immer dann, wenn wir spielen, lustvoll und frei“, argumentieren die Autoren. Und sicherlich war es Hüther, der nicht umhin kam, die Evolution zu erwähnen: „Das Spiel […] hat die Entstehung von Leben und vor allem von lebendiger Vielfalt auf unserem Planeten erst ermöglicht.“ Das Spiel ist quasi in uns. Schon immer gewesen.

Wahrscheinlich zeigen sich die Spielgene nie wieder so deutlich wie in der Kindheit. Wir können es Unbekümmertheit nennen. Oder eben Zwanglosigkeit, die dem freien Spiel der Kinder unterliegt. Die Kleinen sind einfach zu beneiden, dass sie mühelos ihrem Selbst entschlüpfen und quasi in jede der Fantasie entspringende Rolle eintauchen können. Gönnen wir es ihnen. Doch lassen wir sie auch? Die Autoren greifen die folgende Frage nicht auf, aber ist nicht vielleicht der Begriff Lernspiel ein Widerspruch in sich selbst? Quarch und Hüther sehen jedenfalls eine „Welt, in der das absichts- und zwecklose Spielen, sogar das der eigenen Kinder, als Zeitverschwendung betrachtet wird“.

Die Gefahr rückt näher. Und damit kommen wir zurück zum Buchtitel: „Rettet das Spiel!“

Das Autorenduo mahnt: „Wer dem Leben nicht spielerisch begegnet, den erstickt es mit seinem Ernst.“ Ins Visier nehmen sie den Homo oeconimicus. Jenen Typus, der den Gewinn suche. Im Gegensatz zum Homo ludens, der gewinnen wolle – und auch verlieren könne. Gerade Letzteres adele den spielenden Menschen. Für den wirtschaftenden Menschen hingegen werde das Spiel zu einem Konsumgut, der Spielende zum Konsumenten und der Spielplatz zum Marktplatz. In dieser Welt ist nichts mehr zweckentfremdet. Im Gegenteil: Fußball, das beliebteste Spiel der Welt, ist zu einem Milliardengeschäft geworden. Spiele in der Schule, im TV und überhaupt in der Gesellschaft hätten nur dann noch eine Chance auf Anerkennung, wenn sie als Wettkampfspiele inszeniert werden. Konkurrenzdenken bestimmt das Geschäft. Menschen werden zu entzauberten Zuschauern. Oder noch schlimmer: zu Opfern süchtig machender Glücks- und Computerspiele. „Konsum ist jedem Spiel ein Gift“, schreiben Quarch und Hüther. Mag jemand widersprechen?

 

Also retten wir das Spiel. Aber wie? Die Autoren machen durchaus Vorschläge. Sie geben Tipps für ein Umdenken in Familie, Schule und Unternehmen. Sie halten ein Plädoyer für eine Kultur der spielerischen Lebenskunst. Im Grunde sind es Forderungen nach mehr Menschlichkeit. Nur in wenigen Absätzen beziehen sie sich dabei auf die Spiele, die ich, die wir so lieben. Aber gerade in folgenden Sätzen steckt so viel Wahrheit, dass man sie wie den Buchtitel herausschreien möchte:

„Doch auch das einfache Gesellschaftsspiel daheim am Küchentisch ist aller Ehren wert. Ihm sei zuletzt gehuldigt, denn auch wenn nicht alle diese Spiele wirklich toll sind, so führen sie doch Menschen zusammen, öffnen ihnen einen freien Spielraum, entreißen sie der alltäglichen Welt der Sorge und des instrumentellen Denkens, erlauben ihnen, Gefühle und Emotionen zu zeigen, die im Alltag oft verschüttet sind - und machen einfach Freude, egal ob man verliert oder gewinnt. Diese Inseln der Lebendigkeit sollten wir uns nicht nehmen lassen. Im Gegenteil: Wir sollten sie als Keimzellen für eine spielerische Kultur nutzen - als Reservate des Homo ludens, in denen er die Kraft gewinnt, der totalen Kolonisation des Lebens durch den Homo oeconomicus zu widerstehen.“

Gerald Hüther, Christoph Quarch: Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist, Carl Hanser Verlag, 224 Seiten, 20 Euro.