Wie man Juror wird

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Montag, 13. Juni 2016

Als Juror bei Spiel des Jahres kann man sich nicht bewerben. Der Posten wird nicht ausgeschrieben, niemand schickt sein Mäppchen ein.

In die Jury wird man vielmehr berufen. Oder um es weniger hochtrabend auszudrücken: Man wird von den anderen Juroren gefragt, ob man mitmachen möchte. Tatsächlich will nicht jeder, denn Juror zu sein bedeutet einen erheblichen Zeitaufwand.

Der Tag, an dem die Jury Kontakt aufnahm, war in meinem Fall im Juni 2007. Das Telefon klingelte, und der Vorsitzende von Spiel des Jahres war am Apparat. Er sagte, er sei der Vorsitzende von Spiel des Jahres. Und er schlug vor, dass man sich mal träfe. Denn ein bisschen wie ein Bewerbungsverfahren ist es dann doch: Man trifft sich und spricht über die gegenseitigen Vorstellungen.

Keine Gehaltsvorstellungen freilich; das Juroren-Amt ist ein Ehrenamt. Doch jeder weiß: Ehrenämter beinhalten neben all der Ehre oft auch Arbeit. Dem Kandidaten sollte das vorher klar sein. Und damit es mir garantiert klar wurde, kriegte ich es explizit erklärt.

Die Jury Spiel des Jahres 2009
Die Spiel des Jahres-Jury 2009

Die Juroren treffen sich nicht nur an einem Stichtag und wählen das Spiel des Jahres. Monatelang gehen der Austausch von Erfahrungen, Diskussionen und Analysen in einem internen Internetforum vorweg. Und sollte jemand vor seiner Jury-Mitgliedschaft glauben, eigentlich schon sehr, sehr viel zu spielen: Als Juror kann man dies gar nicht häufig genug tun!

Vor allem benötigt man auch Mitspieler außerhalb des privaten Umfeldes und sollte sich nicht nur in Gruppen mit immer nur denselben Vorlieben und Vorkenntnissen bewegen. Wer Juror werden will, muss die Bereitschaft mitbringen, das Spielen in den Vordergrund seines Lebens oder zumindest seiner Freizeit zu stellen.

Doch selbst das ist noch nicht alles. Spiel des Jahres ist ein Verein. Und zwar ein sehr kleiner Verein mit momentan gerade mal 16 Mitgliedern. Dieser Verein richtet Preisverleihungen aus, veröffentlicht eine Broschüre, hat einen Internetauftritt, präsentiert sich auf Messen, vergibt Fördermittel und so weiter. Das alles muss irgendwer organisieren und ausführen. Einen Teil der Arbeit übernimmt die Geschäftsstelle. Einen Teil der Arbeit müssen aber auch die Mitglieder übernehmen.

Viel Zeit und Einsatzwillen mitbringen, viel spielen und die Fähigkeit zum Austausch darüber sind also wichtige Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft. Das allererste Kriterium aber ist: Man muss Spielekritiker sein! Denn die Jury Spiel des Jahres ist eine Kritikerjury.

Die Jury Spiel des Jahres 2012
Die Spiel des Jahres-Jury 2012

Wie wird man Spielekritiker?

Zunächst einmal: Was ist überhaupt ein Spielekritiker? Oft begegne ich Menschen, die das nicht wissen, denn Spielkritik ist leider nicht so verbreitet, wie man sich das als Spieler wünscht. Deshalb: Ein Spielekritiker ist niemand, der Spiele erfindet. Und ein Spielekritiker arbeitet auch nicht für Verlage und prüft im Vorfeld Spiele für eine mögliche Veröffentlichung. Ein Spielekritiker macht vielmehr das, was auch Musik- oder Theater- oder Film- oder Buchkritiker tun, nur eben mit Spielen.

Ein Spielekritiker spielt also Spiele und veröffentlicht hinterher sein Urteil. Seine Zielgruppe sind Konsumenten, beispielsweise Radiohörer, Leser von Zeitungen, Zeitschriften oder Blogs, Abonnenten von Video-Kanälen und so weiter.

Um Spielekritiker zu werden, braucht man folglich ein Medium, in dem man seine Spielekritiken publiziert. Als ich Ende der 90er Jahre mit dem Rezensieren begann, bedeutete dies noch, Zeitungen zu finden, die meine Artikel veröffentlichen. Heute kann ein Spielekritiker vergleichsweise leicht ein Publikum übers Internet erreichen.

Allerdings ist auch die Art und Weise der Publikationen entscheidend: Spiel des Jahres richtet sich an ein eher wenig informiertes Publikum. Spielekritiker, die sich auf Expertenspiele spezialisieren, drängen sich nicht unmittelbar als Juroren auf. Ebenso wenig solche, die eher Fan als Kritiker sind und wenig Distanz zum Objekt ihrer Besprechungen erkennen lassen.

Stetigkeit und Erfahrung sind weitere Voraussetzungen. Und ganz wichtig: Unabhängigkeit. Spiel des Jahres ist ein unabhängiger Kritikerpreis. Niemand kann Juror sein, der selber Spiele entwickelt, Spiele verkauft oder für Spieleverlage arbeitet.

Und eins noch: Ein Berichterstatter über Spiele ist nicht automatisch gleich ein Kritiker. Zur Kritik gehört die Analyse, die Bewertung, der Vergleich. Um Kritiker zu sein, benötigt man also Hintergrundwissen. Man muss eingefleischter Spieler sein, und dies möglichst schon seit sehr langer Zeit.

Die Jury Spiel des Jahres 2016
Die Spiel des Jahres-Jury 2016

Und wie wird man Spieler?

Meine These lautet: Man wird es nicht, man ist es schon. Menschen spielen von Geburt an. Spielen ist eine wesentliche Art, wie wir uns die Welt aneignen. Menschen sind also von Natur aus Spieler, nur manche hören irgendwann mit dem Spielen wieder auf.

Einige weil Familie und Arbeit das Leben ausfüllen. Andere weil die Spielpartner fehlen. Wieder andere weil sie den Spaß am Spielen verlieren. Aber viele Menschen bleiben eben auch dabei oder entdecken das Spielen als Erwachsene neu.

Die Ursachen besonderer Spiellust mögen persönliche Vorlieben sein, die Lebensumstände, der Freundeskreis, die Sozialisation oder der Beruf. Das ist individuell und muss an dieser Stelle nicht weiter ergründet werden. Hier genügt die Feststellung: Spieler ist, wer spielt.

Und wer wieder Spieler werden möchte oder mehr oder anderes spielen möchte als bislang, könnte es zum Beispiel mit den von der Jury Spiel des Jahres empfohlenen Spielen probieren. Denn genau dazu geben wir unsere Empfehlungen: um das Spielen zu fördern und zu verbreiten; um viele Menschen zum Spielen zu bringen.